Chengdu nach Kunming – China

Von nahe der chinesisch/kirgisischen Grenze (Kashgar) bis Chengdu sind wir als normale Rucksacktouristen unterwegs gewesen. Auch in Chengdu und der Umgebung haben wir uns einiges angeschaut, doch nach der 1. Visumsverlängerung war es Zeit, sich wieder in den Sattel zu schwingen.

Wir folgten der kürzesten Route nach Kunming, die uns am Rand des tibetischen Hochlandes nach Süden führen sollte.
Lange waren wir nicht am Rad gesessen (an die 4 Monate…) und so planten wir eher zurückhaltend unsere Tagesetappen. Durch die starke Überwachung, Beschränkung und Blockierung des Internets in China waren wir bezüglich Höhenprofil auf unsere Papierkarte angewiesen. Die erwies sich schliesslich als zu ungenau und fehlerhaft. Seit dem 3. Tag am Rad ging es permanent bergauf, von 433m auf über 3000m.
Es regnete jeden Tag zumindest einige Stunden und ab 2400m schneite es stark. Nach dem eher unsportlichen Winter in Bishkek war das eine harte Belastung, die vorallem Gerd an seine Grenzen brachte.

Doch was wir erlebten war spektakulär!

Erst hatten wir das Gefühl, dass ganz China eine einzige Großbaustelle ist.
Überall wurde die Erde aufgerissen, Kraftwerke, Straßen und Siedlungen gebaut und hunderte Kipplaster transportierten Erde und Sandsäcke, Bagger, Kräne und Strommasten waren überall zu sehen.
Das gab alles einen derartigen Lärm, dass uns die Ohren wehtaten und wir teilweise sogar mit Ohrstöpseln fuhren. Vorallem die Hupen der Kipplaster waren wirklich brutal…
Von einer chinesischen Bekannten hatten wir auch den Grund dafür erfahren: In China gibt es 8-Jahres-Pläne, die zu erfüllen sind. Durch die olympischen Spiele in Peking 2008 wurde jedoch alles auf Eis gelegt, um in Peking alles rechtzeitig fertigzustellen. Nun wird in ganz China wie wild gebaut, um dennoch mit allem rechtzeitig fertig zu werden…

Für uns war das oft eine Quälerei und wir waren heilfroh, als wir von der grösseren Strasse auf eine absolute Nebenroute durch die Berge abzweigten und den Lärm, Verkehr und Dreck hinter uns liessen. Es regnete immer noch und ging stets bergauf, doch nun war die Landschaft großartig und die lokale Bevölkerung ein interessantes Thema für sich.

Ich bin überzeugt davon, dass wir an einigen Orten waren, wo noch nie Europäer gesehen wurden. Die Menschen waren vollkommen verblüfft von unserem Erscheinen und die Kinder fürchteten sich anfangs sogar vor uns.
Die Menschen waren alle so klein! Selbst die Männer waren zumindest einen Kopf kleiner als ich… Viele trugen traditionelle Kleidung, die aus Umhängen und interessanter Kopfbedeckung bestand. Bei Männern war es eine Art Turban, bei den Frauen ein kunstvoll geflochtener Zopf, der um ein Kissen geschlungen wird, welches dadurch am Kopf gehalten wird. Sie waren grossteils scheu und zurückhaltend. Fotos haben wir deswegen nicht allzu viele.

Nach einem weiteren Tag Dauerregen, luden uns eine Gruppe Frauen zu ihrem Feuerplatz ein, um uns aufzuwärmen. Wir waren ohnehin total durchgefroren und nahmen gerne an. Als das Eis gebrochen war und sich auch die kleinen Kinder schon hertrauten, baten wir um einen Übernachtungsplatz und durften unsere Räder im kleinen Laden parken und bekamen dort auch ein Bett zu Verfügung gestellt. Unsere Gastgeberin hieß Tschinjomatsi und holte uns später in ihr Haus, das oben in den Hang gebaut war. Sie lud uns auf ein umfangreiches Abendessen ein und wir bekamen nachher sogar eine Schale heißes Wasser, um uns zu waschen. Was für ein extremer Luxus in dieser einsamen, kalt-nassen Gegend!!! 🙂

Am nächsten Tag erreichten wir die Schneegrenze und im dichtem Schneefall und Nebel ging die bislang großteils akzeptabel asphaltierte Straße in einen Schotter- und Steinpfad über, der sich in steilen Serpentinen dem Pass entgegen schraubte. Bald standen wir bis weit über die Knöchel im Schneematsch, während uns in den Spuren der LKWs braune Sturzbäche entgegen kamen. Es war nicht mehr möglich zu fahren und so schoben wir die Räder dem Pass hoch, der laut Karte ca. 2500m hoch sein sollte. Bei 2800m stoppte am späten Nachmittag ein Pickup und Jacko fragte uns, ob wir aufladen und mitfahren wollten. So kamen wir letztendlich doch noch an diesem Tag über den Pass und weiter bis Meigu, wo Jacko uns zu einem Hotel brachte. Da viele Hotels keine Ausländer aufnehmen dürfen, registrierte er uns auf seinen Personalausweiss. Gerd und ich blieben einige Tage in der winzigen Bergstadt um uns von den Strapazen zu erholen und unsere Route umzuplanen. Denn noch höher in die verschneiten Berge wollten wir nicht hinauf!

Unser neuer Plan B führte uns einen Fluss abwärts, der in den Yangtze mündete. Auf teilweise grauenvollen verschlammten Straßen kamen wir durch eine atemberaubend schöne Schlucht, deren unzählige Wasserfälle Tropfsteine in die hohen Wände geformt hatten. Je näher wir dem Yangtze kamen, umso mehr Baustellen waren auf der Route, bis das ganze Tal eine einzige, MONSTRÖSE Baustelle war. Arbeiterbaraken, Baufahrzeuge, Materialseilbahnen, Mauern/Brücken/Straßenbau, Staub, Dreck, Sprengungen und stundenlange Strassensperren.
Wir waren unwissentlich durch das Bauprojekt des 3-Schluchten-Staudamms geradelt !!!

Als wir das zukünftige Staubecken hinter uns liessen, fanden wir eine Zeit lang ideale Radreisebedingungen vor: Schöne Flusslandschaft, gute und flache Strasse, wenig Verkehr. Überall waren Bananenplantagen und es war heiß. Innerhalb weniger Tage kamen wir vom Schneesturm zu 35°C im Schatten!

Als es dann wieder über 20km im 1. Gang bergauf ging, merkte Gerd deutlich, wie sehr ihm die Strapazen der letzten 2 Wochen gefordert hatten. Er fuhr nur mehr auf Reserve und statt einen Trainingseffekt zu erzielen war er nur mehr permanent erschöpft. Gerd meint: “Übertrainiert!” 😉

Aus bitterer Erfahrung wussten wir inzwischen, dass es dann keinen Sinn hat “Einen auf stark” zu machen.
So sassen wir am nächsten Tag von einem unbekannten Ort aus im Bus nach Kunming.
Es war eine 8h Bus-Tortur, in der wir mit viel zu lauten chinesischen Musikvideos zugedröhnt wurden, während sich die Chinesin in der Sitzreihe vor uns permanent übergab. Durch die schlechte Strasse permanent durchgerüttelt, waren wir froh, am Abend nur noch 16km ins Zentrum zu radeln, unser Hostel in Kunming zu suchen und unser Zeug+Räder in den 3. Stock raufzutragen… Uff…
Jetzt bleiben wir etwa eine Woche hier, da auch die Visa verlängert werden müssen.

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